Jeder soll nach seiner Fasson selig werden

Ich habe für mich etwas geschafft, was ich lange Zeit nie für möglich hielt: Ich habe meine einzige wirkliche, tiefe Angst überwunden.

Ich habe immer bewundert, dass es so viele Menschen schaffen, einfach zu sich selbst zu stehen. Und heute kann ich mit einem Lächeln sagen: Ich gehöre nun auch dazu. Geplant war eigentlich, alles ganz behutsam und langsam anzugehen. Zuerst die Eltern, dann mein Bruder, irgendwann die restliche Familie, dann der Freundeskreis und ganz, ganz viel später vielleicht die Arbeit.

Die Realität? Es ging rasant. Innerhalb von nur einem einzigen Monat habe ich mich bei meiner kompletten Familie, meinen Freunden und auf der Arbeit geoutet. Und durch einen schönen Zufall beim rbb Heimatjournal weiß es jetzt gefühlt ganz Berlin und Brandenburg. Und wisst ihr was? Es fühlt sich großartig an. Ich bin tatsächlich ein bisschen stolz auf mich.

„Echt mutig von dir“ – Aber warum eigentlich?

Wenn ich in den letzten Tagen in meinem Heimatort unterwegs war, hörte ich oft einen Satz: „Echt mutig von dir.“ Natürlich freue ich mich über den Zuspruch, aber dieser Satz hat mich auch zum Nachdenken gebracht. Ja, ich brauchte Mut. Aber warum braucht man dafür heutzutage überhaupt noch Mut?

Es war die Angst davor, was die Familie, die Freunde, die Arbeitskollegen und mein Heimatort über mich denken könnten. Eigentlich sollte es einem egal sein, was die Leute reden – ist es dann aber oft eben doch nicht. Gerade auf dem Dorf ist das Thema Transgender noch nicht wirklich im Alltag angekommen. Meistens zieht es Menschen aus der queeren Szene eher in die großen Städte. Dort findet man leichter Gleichgesinnte, dort kann man aber auch wunderbar anonym untertauchen.

Auf dem Dorf ist das schwieriger. Hier wissen die Nachbarn meistens schon Dinge über einen, bevor man sie selbst überhaupt weiß. Und genau da spielt die Angst mit: Was passiert, wenn die Leute auf dem kleinen Dorf das über mich erfahren?

Wenn wir in einer wirklich offenen, toleranten Gesellschaft leben würden, wie wir es oft von uns behaupten, dann wäre mein Outing keine Nachricht wert. Dann bräuchte es keinen „Mut“. Dass Menschen mir diesen Mut attestieren, zeigt mir: Das Thema wird noch lange nicht als so normal angesehen, wie es eigentlich sein müsste.

Von Biologie, Natur und echten Familien

Es gibt immer noch Leute, die sagen, das alles sei „nicht normal“. Eine Familie bestehe schließlich zwingend aus Vater und Mutter. Zur reinen Fortpflanzung mag das mechanisch stimmen, biologisch gesehen ist das Argument allerdings nicht haltbar.

Es gab schon immer und es wird auch immer unzählige Variationen in der Natur geben – sowohl bei uns Menschen als auch im Tierreich. Homosexualität und Transidentität kommen dort ganz genauso vor. Die Natur ist vielfältig, nicht schwarz-weiß.

Am Ende ist in einer Familie doch nur eines wirklich wichtig: Fürsorge und Liebe. Es ist völlig egal, in welcher Konstellation Kinder aufwachsen. Ob mit Mama und Papa, Papa und Papi oder Mama und Mami. Und für die ewig Gestrigen, die dann panisch rufen: „Oh nein, dann wird das Kind doch auch so!“ – Nein, wird es nicht. Jeder Mensch wird geboren und bringt sein inneres Wesen bereits mit. Ob homosexuell, transgender oder cisgender – es ist alles schon da. Man muss es im Laufe seines Lebens nur für sich selbst entdecken.

Wir brauchen mehr Aufklärung

In den vielen Gesprächen der letzten Wochen habe ich vor allem eines gemerkt: Es gibt noch unheimlich viel Aufklärungsbedarf. Wenn Menschen zum Beispiel denken, nur weil ich eine Transfrau bin, sei ich jetzt automatisch auch eine Dragqueen, dann zeigt das, wie oft Begrifflichkeiten und Lebensrealitäten einfach noch in einen Topf geworfen werden. Wir müssen miteinander reden, um diese Unwissenheit abzubauen.

Ein Satz zum Schluss

Ich hoffe, dass ich mit meiner Offenheit einen kleinen Beitrag leisten kann. Ich möchte allen Menschen, die vielleicht gerade an einem ähnlichen Punkt stehen, sagen: Habt nicht so viel Angst wie ich sie hatte. Wir alle haben nur dieses eine Leben. Und jeder einzelne von uns hat es verdient, glücklich zu sein. Oder, um es mit den Worten des Alten Fritz (König Friedrich II.) zu sagen, die hier in Preußen schon lange gelten:

„Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.“

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Kathrin Lajow
24 Tage vor

🥹, mir kamen echt die Tränen…
Wer so toll schreiben kann…, da fehlen mir jetzt echt die Worte…
Hast alles richtig gemacht ❣️❣️❣️

Kathrin Lajow
24 Tage vor

Es gibt doch nichts Schöneres, wenn ein Mensch endlich glücklich ist in dieser so verrückten und oft so traurigen Welt…🙏🏻

Cindy
24 Tage vor

Liebe Julia,

richtig, es braucht eigentlich nicht Mut, sondern DICH selbst. Als Mensch. Egal als was Du Dich identifizierst. Es ist schön dich so frei, glücklich und wertschätzend zu sehen. Für mich persönlich ändert sich nur der Name. Nicht aber was dich ausmacht. Du bist großartig, hast eine unglaubliche tolle eigene Familie und Umkreis der hinter dir steht.
Vergiss das nie. DU BIST TOLL.
Cindy

Dietmar
24 Tage vor

Ich habe dich sehr lieb und bin stolz auf dich. Dein Papa

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